Nachdenkliches

Von Anima-Besessenheit und traurigen Clowns

Bevor ich mit der Erzählung von MissÄtherisch fortfahre, möchte ich einige Gedanken in Form gießen, denn aktuell werden mir ein paar Zusammenhänge meiner Geschichte über lange Zeiträume klar.

Während meiner Jungendzeit hatte ich über Jahre eine enge beste Freundin. Wir sahen uns praktisch täglich, in der Schule zunächst und später unternahmen wir Dinge zusammen oder verbrachten die Zeit bei ihr oder mir zu Hause. Das war noch, bevor man dazu überging, Beziehungen ins Internet zu verlagern, also sehr persönlich und präsent. Ich war furchtbar verliebt in sie. In meinen Augen gab es keine schönere Frau. Ihre Augen waren haselnussbraun und von atemberaubender Tiefe. Für sie war ich Freund und Vertrauter – und niemals mehr. Die Männer mit denen sie zusammen war, gehörten zu einer ganz anderen Kategorie – rücksichtslose Typen, Blender, Primitivlinge. Und das konnte ich so sagen, obwohl ich mich selbst aus heutiger Sicht in dieser Zeit nicht gerade gut finden würde. Sie war künstlerisch veranlagt, schlau und gefühlsbetont. Ihr fester Freund, ein großer und sportlicher Typ, betrog sie andauernd und behandelte sie schlecht. Er wurde zu meinem ersten richtigen Feindbild. Für Trost und Rat war sie dann bei mir. Soweit das allzu bekannte Klischee. Ich schrieb Gedichte von denen sie nichts wusste, manche an sie gerichtet, manche mit Gedanken an sie. Sie war meine Muse und ahnte es bestenfalls. In einem der Gedichte, einem Sonett, das ich hier um einen Vers kürze, weil mir meine gefühlsduselige „Sturm & Drang“-Phase doch etwas peinlich ist, lautet das letzte Terzett:

Einst werde ich hinübereilen,
[…]
Dann kann ich deine Wunden heilen.

Mir fiel das just heute ein und ich musste erst einmal etwas ungläubig nachschlagen. Da lebte ich bereits seit Jahren so und hatte, ohne je darüber nachgedacht zu haben, bereits etwas formuliert, was sich wie ein roter Faden durch mein Leben zieht. Dazu gleich mehr.

In diese Zeit des beginnenden Erwachsenenalters gehört auch eine Begebenheit mit meiner Mutter und ihrem Ex-Mann, die ich auf diesem Blog schon einmal geschildert hatte. Die Parallelen sind verblüffend, denn auch hier trifft ein toxischer Typ auf eine geliebte Frau und auch hier sind Gefühle von Ohnmacht, Angst und Isolation vorherrschend.

Ebenfalls in dieser Zeit, mit etwa 18 Jahren, ließ ich mir mein einziges Tattoo auf die Brust stechen. Wer war neben dem Tätowierer während der Prozedur anwesend? Meine Mutter und besagte unerwiderte Jugendliebe (!!!). Das Motiv: Ein weinender Clown, den ich mir in möglichst (arche)typischer Form hatte gestalten lassen. Er symbolisierte meine dann bereits über Jahre empfunde innere Zerissenheit.
Der Clown ist nicht nur alberner Spaßmacher, der die Schwere des Daseins vergessen macht – es ist der Clown, der Freude spendet, der Glück bei anderen erzeugt. Er ist von Natur aus gutmütig, herzlich und anderen zugewandt. Der Clown verkörpert Leichtigkeit unter allen Umständen und unbedingte Großzügigkeit. Niemand käme aber auf die Idee, sich um den Clown zu kümmern – im Gegenteil: Viele empfinden ihn als äußerst unheimlich und meiden ihn unter den meisten Umständen. Ich nannte ihn auf diesem Blog einmal ein „Unding“. In der großen Tradition des Narren ist er der „Geist der stets verneint“ und damit zwar die Welt im Gleichgewicht hält, aber das um den Preis, außerhalb ihrer Ordnung zu stehen.

In meiner anima-besessenen Einsamkeit und Ohnmacht schien mir, einer Intuition folgend, ein trauriger Clown passend. Noch immer bürde ich mir auf, Frauen vom Unheil der bösen Männer retten und dann heilen zu wollen. Manchmal gelingt mir das sogar teilweise. Und es sind sicherlich keine Windmühlen, denen ich da den Kampf angesagt hatte – blöde war ich noch nie. Aber eine Bürde ist und bleibt genau das. Das sehe ich realistisch. Und doch will ich es auch gar nicht anders.

Erstaunlich oft bin ich glücklich und die meiste Zeit zumindest zufrieden. Es ist mehr Ruhe in mein Leben eingekehrt und ich blicke positiv in jeden neuen Tag. Es macht mir Freude, großzügig zu sein, zu geben, ohne über Folgen nachzudenken. Was soll ich mich denn auch an Dinge klammern? Nur die Zeit ist endlich. Mein offenes Ohr und meinen Rat schätzen sogar manche der Leserinnen dieses Blogs. Mein Herz ist offen. Nur manchmal komme ich an meine Grenzen. Mein ganzes Leben schon war ich Nebendarsteller, bald dann nebensächlich. Die Vögel, die ich aufpäppele, fliegen schließlich weiter, nachdem der gebrochene Flügel verheilt ist. So kenne ich es. Und manchmal bekomme ich dann Angst. Wer wird mich halten, wenn ich schwach bin? Wer wird bei mir sein, wenn die Nacht hereinbricht? Offene Herzen sind so leicht verwundbar.

Das sind die Momente, in denen ich vergesse, dass meine Bürde auch mein Los ist. Ich habe Glück, eine Menge davon. Manchmal spüre ich warmen Atem neben mir, die schönste Frau der Welt liegt schlafend auf meiner Schulter, die Sorgen aus dem Rücken massiert, dem Körper Lust bereitet und in  Wärme und Geborgenheit wissend, dass mein Herz immer für sie schlagen wird, in den Schlaf gestreichelt. Das sind die Tautropfen, von denen ich zehre, so lange meine Kräfte noch endlich sind.
Ich wundere mich über meine Beklommenheit und erinnere mich schließlich. Der Zustand meines gebrochenen Herzens liegt in der Natur Samsaras. Wer einmal genau hingesehen und erkannt hat, kann gar nicht anders. Vielleicht ist es Zeit, meinen Frieden mit dem weinenden Clown zu machen 🙂

Fear does not allow fundamental tenderness to enter into us. When tenderness tinged by sadness touches our heart, we know that we are in contact with reality. We feel it. That contact is genuine, fresh, and quite raw. […] The idea of renunciation is to relate with whatever arises with a sense of sadness and tenderness.

Chögyam Trungpa: Smile at Fear. Awakening the True Heart of Bravery

 


Beitragsbild: Hank Moody (David Duchovny) in Californication S05E06, © Showtime Networks

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