adventure

MissÄtherisch – Gelb (Teil 2)

Wir streifen verspielt zwischen den Regalen umher, immer wieder stoppend, an Bücherregale gepresst, küssend, fummelnd, kichernd. Als wir schließlich bei den CDs ankommen, achten wir nicht so genau darauf, was wir uns auswählen – mit einer guten Portion Ironie entscheiden wir uns für christliche Lieder von Schubert, aufgenommen von einem bieder wirkenden Paar, das auf dem Cover mit seinen ebenso hausbackenen Vornamen abgebildet war. Was sind wir lustig! Nur bei den Kabinen ist niemand zu finden, um uns eine solche aufzusperren. Tatsächlich ist außer dem Sicherheitsbeamten am Eingang niemand vom Personal mehr in der Bibliothek. MissÄtherisch schaltet also schnell um – ich beobachte amüsiert ihre allzu offensichtlichen Gedankengänge – und fragt mich, ob wir die Aktion nicht nun doch bei ihr zu Hause fortsetzen wollten. Der Security muss bei dem vielen Lachen und Schäkern inzwischen auch wissen, was los ist. Ich weiß, was sie vor hat, stelle mich aber naiv: diese Frau steht sich selbst etwas im Weg – da will ich sie nicht noch zusätzlich überfordern. Am Automaten leiht sie also die CD mit den andächtigen Liedern und wir verlegen unsere kindische Präsenz nach draußen, zur U-Bahn, wo die Spannung weiterhin spürbar bleibt, nun aber unter einer Fassade der Gelassenheit versteckt wird.
Noch kurz bevor wir eintreffen wird sie höchst nervös und fragt mich über meine mögliche Gefährlichkeit aus. Ich kann erkennen, dass sie einerseits wirklich besorgt ist und anderseits von diesem Gedanken des Ausgeliefertseins sehr erregt ist. Entsprechend zurückhaltend bin ich mit meinen Zusicherungen. Im Wohnungsflur lässt sie mich erst einmal stehen mit der Bitte, ihr etwas Zeit zum Aufräumen zu gewähren. Ich schließe gelassen die Augen und höre sie durch die Gegend huschen. Als sie schließlich fertig ist, trete ich in ein aufgeräumtes, aber spärlich eingerichtetes Wohnzimmer. Sie bietet mir Tee an und während das Wasser aufkocht, hebe ich sie auf die Arbeitsplatte, küsse sie und inspiziere ihre flatterhaften Augen. Was für eine seltsame Mischung: Momente beinahe panischer Angst, Neugier, Sehnsucht, Erregung.
Der Tee zieht, ich setze mich am Boden an einen niedrigen Tisch, mit dem Rücken an die Wand gelehnt. MissÄtherisch legt die CD ein, eine Sopranstimme erklingt. Es ist komplett albern: Sie beginnt dazu durch die Gegend zu tänzeln, spielt an ihrem Oberteil, zieht es langsam ab. Ein Striptease zu Schubert – ich weiß immer noch nicht, was ich dazu sagen soll… Sie wirft mir diese gespielt frechen Blicke zu. Wir spielen nun beide Theater, denn eigentlich schreit mein ästhetisches Empfinden gerade um Hilfe und mein Hang zur permanenten objektiven Selbstaufmerksamkeit lässt mich innerlich mit dem Kopf schütteln: In was für eine schräge Situation hast du dich jetzt schon wieder hineinmanövriert?! Es würde nicht das letzte Mal an diesem Abend sein… MissÄtherisch merkte davon aber nichts und ich verlegte mich darauf, einfach ihren schönen Körper zu bewundern, während ich die christlich untermalte Striptease-Liturgie weitgehend auszublenden wusste. Vielleicht war es auch das, was die Spannung ausmachte, diese absurde Perversion, das Heraufbeschwören von Biedermann, Katholizismus, Weihrauch und ehelichem Beischlaf bei gelöschtem Licht, dazu die Verlockung der sexuellen Ausschweifung, die Absurdität eines erbaulichen Striptease‘, die verwirrte Angst und Geilheit eines wehrlosen Mädchens. Wenn man sich auf diese Spannung einlässt, dann trägt das seltsame Blüten. Ich schwanke zwischen Impulsen, ein Fenster öffnen zu wollen, sie tröstend in den Arm zu nehmen und sie in den Arsch zu ficken – und beschließe, das einfach alles zu seiner Zeit umzusetzen. Sie hat diese perfekten kleinen Brüste, die ich so gerne mag. Wo hat sie denn den Regenschirm her? Cabaret! Natürlich! Eine Invokation Liza Minnellis. Wo bin ich hier hineingeraten? Kokett stolziert sie inzwischen beinahe nackt vor mir durch den Raum, wirft mir schließlich ihr Höschen zu, beugt sich tief runter, so dass ihr herrlich knackiger Hintern keine Geheimnisse mehr parat hält.
Ich greife mir, noch sitzend, den Regenschirm vom Boden, kriege sie mit dem Griff zu fassen, und ziehe sie so zu mir heran. Nackt und zerbrechlich wie sie ist, kommt sie auf meinem Schoß zum Sitzen, ich noch komplett bekleidet, sie nun mit geweiteten Augen meinen Kuss erwartend und was ich mit ihr anstellen werde. Breite sie auf dem Teppich vor mir am Boden aus. Schmecke ihre Haut, zeichne die Linien ihres schlanken Körpers nach, forsche im Blau ihrer Augen und dringe in ihren Geist ein. Plötzlich tritt der Moment des gegenseitigen Erkennens ein. Ich sehe ihre ganze Traurigkeit und Verletztheit – sie muss furchtbar gequält worden sein – und hat sich dabei so viel Gutmütigkeit bewahrt. Mein Mitgefühl wacht ganz selbstverständlich auf. Ein Sekundenbruchteil nur. Sie sieht, dass sie gesehen wird – und bricht auf der Stelle zusammen. MissÄtherisch beginnt heftig zu weinen und bedeutet mir, auf Abstand zu gehen. Wo bin ich hier hineingeraten? Nach einer Weile reiche ich ihr eine kleine Decke, weil sie mir immer noch nackt gegenüber sitzt. Ich solle bitte gehen. Ich entgegne ihr, dass ich das auf der Stelle anstandslos tun würde, bitte sie aber, vorher noch einmal kurz durchzuatmen. Es ist mir nicht geheuer, sie in diesem Zustand hier zurückzulassen und ich fühle mich grundlos wie ein Verbrecher. Sie beginnt zu erzählen. Sie erzählt lange, von Männern, von deren Gefühlskälte, von Brutalität und Verdinglichung, von Selbstwertverlust und Dissoziation. Das Unausgesprochene kann ich problemlos für mich ergänzen. Ich hatte eine Rolle zu spielen gehabt und war heraus gefallen. Das Problem der Reinszenierung, gerade in der BDSM-Szene, die folgerichtig auch entsprechend kranke Täterpersönlichkeiten anzieht, ist mir leider schon öfter begegnet – es ist meiner Meinung nach der große Elefant im Raum, den kaum jemand sehen will. Hedonistischer Stumpfsinn.

Als alles gesagt ist, fühlt sie sich wieder gut und ihre Augen strahlen erneut klar. Aftercare before the Care. Ich läute meinen Aufbruch ein. MissÄtherisch will mit mir in ihr Schlafzimmer, was bei mir Bedenken auslöst. Ich habe Lust auf sie, aber keinerlei Interesse daran, ihr Leid zuzufügen. Ihre pragmatische Lösung ist, ich solle ihr nicht zu tief in die Augen sehen und sie würde währenddessen achtsam mit sich sein. Was tust du da? Was für eine Gratwanderung das werden würde – aber bei allem Hadern hatte der „Sextherapeut“ schon längst entschieden….

 


Beitragsbild: Henry Fuseli – The Nightmare (1781)

Advertisements

9 Gedanken zu „MissÄtherisch – Gelb (Teil 2)“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.