Sentimentales

Lange Nächte

Manchmal – manchmal weine ich vor dem Einschlafen. Meist bin ich dabei alleine – beim Einschlafen. Beim Erwachen auch, beim Kaffee, wenn ich zur Tür rausgehe und wenn ich zurückkehre. Ich kann das schon ganz gut. Also das In-Bewegung-bleiben. Etwa so, wie ich mir gut die Schuhe zu binden weiß: Eine alltägliche Angelegenheit, fact of life, mit der man umzugehen lernt. Aber an die Einsamkeit – an die gewöhne ich mich schlichtweg nicht. Die hält einen nur mit ihren kalten, klammen Klauen, manchmal fester, manchmal nur mit der Lässigkeit selbstsicherer Gewohnheit.
An guten Tagen gibt’s dann ein wenig Zucker. Zucker… Das ist so eine zutiefst zynische Substanz. Nichts anderes hält einem so deutlich vor Augen, wie vergänglich doch alles ist. Das besonders Gemeine daran: Wer einmal verstanden hat, das Zucker immer zugleich auch Gift ist… Ich spreche noch nicht einmal von Schokolade – manchmal muss ich nicht alleine schlafen. Dann bilde ich mir törichte Dinge ein, fühle mich geliebt und geschätzt und ganz und gar nicht verlassen. Das Versprechen ihres warmen Atems ist keines – nur meine dümmliche Einbildung, ein Almosen. Wir sind alle hungrig, sehnen uns nach Zärtlichkeit, nach Nähe, nach warmen Körpern und dass uns jemand verstehend in die Augen sieht und unsere Liebe und das Opfer unserer Hingabe spiegelt, auf dass es keines sei. „Die ihr eintretet, lasst alle Hoffnung fahren!“ – Zuckerentwöhnung. Wenn ich die Augen schließe, muss ich mich anstrengen, dich zu sehen. Ich bin so hungrig! Und bekomme nur gelegentlich Zucker. Sieh mich sterben, mit dem traurigem Lächeln von einem, der gerne Glück und Lachen schenkt und dann alleine schläft! Sieh, wie albern, mit allem Firlefanz theatralischer, hochtrabender Worte! Und auch dabei eine zarte Geste und ein freundliches Wort, während der Gedanke an den Morgen mir das Herz bricht.

Müde bin ich der zähen Worte,
Des Sinns, der ohne Ohr doch tauber
Aschefahler leerer Schall.

Zerrinnt des Augenblickes eitle Süße,
Wird Staub – hinfort und bald vergessen,
Verloren nahe ohne Sein.

Advertisements

3 thoughts on “Lange Nächte”

  1. Du bist nicht alleine… weißt du wie oft ich mich frage, wie alt muss man werden, damit das aufhört. Ich mein, als Kind dachte ich immer, Erwachsene sind stark und ihnen kann nie nichts anhaben. Ein Trugschluss…

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s