Nachdenkliches

Nahender Winter

(Teil einer Serie zur Einsamkeit)

Was haben wir gelacht! So vieles haben wir zusammen erlebt, haben unsere Augen auf die selben Dinge gerichtet und darüber gesprochen, miteinander, Worte aus deinem Mund in mein Ohr; darüber was es in uns macht, das, was wir da sehen, und riechen und schmecken. Und dann hat das etwas mit mir gemacht, wie ich dich da so höre, die Worte aus deinem Mund, die ein Bewusstsein veranlasst hat, dass da gesehen und geschmeckt hat so wie meines. Da habe ich Zutrauen gefasst und gedacht: Das kenne ich doch so auch! Und ich sage es dir, forme Worte in dein Ohr und hoffe, die Brücke zu  schlagen. So kenne ich das und ich glaube fest daran, dass du es auch so kennst.
Und weil wir beide froren – ich sah es dir an, ohne dass du es nur sagen musstest – reichte ich dir meine Hand, die immer so warm ist, dass noch etwas über bleibt und dein Lächeln versprach mir Dankbarkeit und Nähe, ein weiterer dünner Faden durch die kühle Herbstluft auf den Grenzen unserer Haut. Haut an Haut. Unsere Leiber, ein klar umrissener Raum, der sich mal berührt und manchmal überschneidet. Dort spüren wir uns und könnten uns hineingießen. Könnten wir. Ich weiß um diese Möglichkeit, denn ich spürte, wie deine Hand langsam auftaute. Diese Erfahrung ist so unglaublich wichtig – wer sie nicht gemacht hat, ist verloren. Eine einzige Handreichung nur, nur ein einziges Mal, frei heraus und um ihrer selbst willen. Weil wir alle frieren, weil Kälte unsere Haut schneidet. Weil ich diese Verletzung von dir abwenden will. Weil ich wünschte, du würdest es mir gleich tun. Wir. Manchmal. Einmal nur vielleicht.

Wir haben so viel gelacht. Über die selben Dinge, aus den selben Gründen – so versprach es mir dein Wort. Es gab Hoffnung. Wo es uns schneidet, da kann auch etwas anderes sein. Und so viel mehr. Dann bist du fortgegangen. Ich sehe dich noch immer vor mir verschwinden. Einfach so hinaus in die Nacht des Vergessens. Hat dich verschluckt und nicht mehr hergegeben. Wie konntest du nur? Ich blieb stehen. Die Kälte begann sich langsam aber stetig in mich zu fressen. Nur ab und an streckte ich meine Hand aus, noch immer ein wenig warm, hinaus in die Schwärze, auf dass sich der Vorhang teile. Dort stehe ich noch heute.

 


„Einem gelang es – er hob den Schleyer der Göttin zu Sais –
Aber was sah er? Er sah – Wunder des Wunders – Sich selbst.“ (Novalis, Distichen, 1798)

 

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2 thoughts on “Nahender Winter”

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