Nachdenkliches

Menetekel

Am Späti um die Ecke spricht er mich an: Sein Haar ist fettig und ergraut, das Gesicht ein wenig schmutzig und der Bart ungepflegt. Ob ich vielleicht auch eine Zigarette für ihn erübrigen könne, fragt er, schüchtern fast. Er wirkt so vertraut, wie kann das sein? „Selbstverständlich.“ Ich ziehe mein Etui hervor, suche ihm eine besonders sauber geformte selbst gestopfte Zigarette heraus. Er strahlt mich an, als hätte er diese heimliche Geste bemerkt. Ich gebe ihm Feuer. Er nimmt einen genüßlichen Zug, seine völlig klaren und so menschenfreundlichen Augen auf mich gerichtet. Ich sehe – nein, ich spüre – große Traurigkeit, ein unsichtbarer Schleier. Was ich mache, fragt er und meint wohl das Berufliche. Wir geraten ins Plaudern. Es stellt sich heraus, dass er ebenfalls Soziologie studiert hatte – vor langer Zeit – Städte kennt, in denen ich gelebt habe. Ich frage mich, wie sein Leben wohl verlaufen sein mag, wie es dazu kam, dass er heute sein altes Fahrrad durch den Kiez schiebt und Leute für eine Zigarette und ein wenig menschliche Wärme anspricht. Er ist eloquent, strahlt Witz und sogar etwas Altersweisheit aus. Ich traue mich nicht zu fragen. So gehen wir also bald auseinander, wünschen uns einen schönen Tag – und seine melancholischen und zugleich auch so gegenwärtig-zugewandten Augen verschwinden irgendwo tief unten in meinen Erinnerungen.

Wochen später, der Tag ist sommerlich heiß und die Frankfurter Allee geschäftig: Dort am Boden, schief an eine Hausmauer geworfen, zerschlissene Hose, eine Plastiktüte neben sich und eine Flasche Wein, die er nur mit viel Mühe an den Lippen halten kann – wie ausgespuckt. Ich sehe ihn an, erkenne, die Erinnerung wacht auf. Da ist dieser kurze Moment, in dem ich mich freuen will, ihn wieder zu treffen und diese Freude erstickt, noch bevor sie sich entfalten kann. Unsere Blicke streifen sich – genauer: Mein Blick streift den Seinen. Der geht ins Leere, irgendwo hin, weit weg. Er ist nicht mehr da. Der Schleier liegt nun deutlich sichtbar über seinen Augen. Alle Klarheit ist einem milchigen, glänzenden Etwas gewichen, trostlos, verzweifelt und ohne jeden Halt. Es sticht. Und dann fällt es mir ein:

„Ich dachte auch an die Gossen, in denen ich einmal liegen würde. Für einen Clown gibt es, wenn er sich den fünfzig nähert, nur zwei Möglichkeiten: Gosse oder Schloß. Ich glaubte nicht an das Schloß und hatte bis fünfzig noch mehr als zweiundzwanzig Jahre irgendwie hinter mich zu bringen.“¹

Diese Zeilen begleiten mich mein halbes Leben schon. Würde ich an ein Schicksal glauben, so wäre es damit beschrieben. Und hier lag es leibhaftig vor mir, mein armer Bruder! Wie nahe man sich wildfremden Menschen aus den unwahrscheinlichsten Gründen fühlen kann! Sein lustiges Funkeln, so hoffnungslos erloschen, sein Lächeln zu einer trauerverzerrten Fratze erstarrt. Du armer Menschenfreund, was hat man dir angetan? Was musstest du erdulden? Warum hat niemand einen Platz für dich?

Als ich mich Stunden später gesättigt an einer wankenden Gestalt vorbeistehle – ich erkenne ihn nun schon von Weitem – wage ich es nicht, sein Gesicht anzusehen. Was, wenn der Schleier noch da ist? Ein magischer Spiegel, der eine unheilvolle Zukunft prophezeit. Die Sonne war untergegangen und nichts vermag ihren Lauf zu stoppen. Wie ein Blinder tastet er an einer Hausmauer vorwärts – meinen Halt suche ich in der Flucht. Es ist eine kalte Welt und ich ertrage meine Ohnmacht nicht. Wie gerne möchte ich an das Schloß glauben!

 

¹ Heinrich Böll: Ansichten eines Clowns, 1963

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2 thoughts on “Menetekel”

  1. „Ansichten eines Clowns“ – Wahnsinn, wenn einer so schreiben kann, dass man 1/2 Jahrhundert später noch Zeilen liest und denkt „das muss im Buch … von … sein“. Unsterblich.

    Nicht so der Menschenfreund, der irgendwann eine falsche Abzweigung nahm und nie mehr den Weg zurück fand. Traurig.

    „Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
    sich lautlos auf, dann geht ein Bild hinein.
    Geht durch der Glieder angespannte Stille
    und hört im Herzen auf zu sein“

    Gefällt 1 Person

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