Nachdenkliches

Ein Moment ohne Halt

Mein lautes Gefängnis. Die Gedanken schreien, hallen wider, hin und her springen sie an den Mauern meiner Schädeldecke – kein Ausweg, kein Ventil, kann mich nur ergeben. Die Lähmung wird real. Kein Ausweg. Ich stehe nicht aus dem Bett auf. Stunden später, als es zu spät ist, gelingt das Kunststück. Eine weitere Woche und jetzt kann ich es nicht mehr ändern. Doch die Katastrophe, die ich seit Jahren ersehne; sie tritt nicht ein. Unsere Welt, ein gigantischer kalter Fleischwolf. Die Räder wollen nicht still stehen. Ich will nicht hier sein. Immer tiefer hinein in die Sackgasse – wann endlich erreiche ich den Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt? Mein kleiner persönlicher Untergang, um nicht länger ertragen zu müssen. Es ekelt mich und ich weiß nicht wohin damit. Der langsame unsichtbare freie Fall. Ich schenke dir ein Lächeln. Ich wärme dich. Es ist alles da, doch nichts davon ist für mich. Für einen Moment erlaube ich mir, davon zu kosten, greife zu – du könntest dich daran gewöhnen, also lasse ich fahren. Ich kann es nicht. Darf es nicht. Alles oder nichts. Tiefer hinab und keine Rettung. Ich wünschte, es würde einfach enden. Will eure falschen freundlichen Worte nicht hören. Wie kannst du nur so kalt sein?! Zerstückelte Leiber, all die unerfüllten Hoffnungen, ein Wille vielleicht nur, zu atmen, dass das Brennen gleich nachlässt, ein biologischer Apparat, der uns leiden macht in den Messern der Maschine – ein herzhafter Biss, hinein in das Elend der falschen Versprechung unserer Geburt. Ja, wir! „Weh spricht: Vergeh!“ und bedarf dazu keiner Sprache, die dein kaltes Herz ja doch nicht verstehen würde. Es widert mich an und ich wünsche mir nur, dass es aufhören möge. Es ist alles hier – und kann doch nirgendwo hin. Wer verdient es schon? Wo kann noch etwas wachsen? Da, wo der Ekel lebt vielleicht, wo die blinde Wut gegen dieses unbarmherzige Dasein sich nur gegen sich selbst zu richten weiß, weil andere zu richten ja doch aussichtslos ist. Ein wenig Gesellschaft nur dabei, ein wissender Blick – lass uns gemeinsam fallen, denn es ist unabwendbar und kalt! Ein weiter Weg noch nach unten, befürchte ich. Trotzig bin ich und halte den Blick nach oben gerichtet – vielleicht überrascht mich der Aufprall ja plötzlich und ich bin gerade zu schwach. Das wäre schön. Oder der Moment der Verzweiflung gewinnt eines Tages doch, noch bevor ich Zeit habe, über meine Schwäche zu fluchen. Doch bis dahin… nimm meine Hand! Du verdienst es so viel mehr! Und ich könnte aufschlagen in dem Wissen, doch etwas bewirkt zu haben, ein kurzes, doch heißes Verglühen. Vielleicht bremst es ja deinen Fall – ich glaube, das hättest du verdient. Und leise flüstert die Hoffnung, da irgendwo im Geschrei unseres brennenden Daseins.

 

Beitragsbild: The Crow (1994) ©

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7 thoughts on “Ein Moment ohne Halt”

  1. Das ist wirklich diese elementare Frage… was ist gut. Gut kann einfach Annehmen, des „Wohlfühlen“ „unpassender“ emotionaler Zustände sein. (toller Satz.. du weißt aber glaub ich wie ich ihn meine) Wenn ich das auf meine häufig sehr große Traurigkeit münze, dann bedeutet das, das ich sie seit einiger Zeit willkommen heiße. Ich nicht mehr ewig Energie verschwende in „everybodies´ 24/7 sunshine“ zu sein. Sondern eben auch dieses zu mir gehört. Allerdings macht Traurigkeit sicher nicht so viel Angst wie Dunkelheit. Einsamkeit..etc. Wenn diese Gäste zu Besuch kommen, da hab ich noch keinen Umgang für…

    Toller Text. ! Wirklich. Auch wenn er tief über der Klippe hängt. Wärst du näher hier, wären Burger und ne Menge Wein gut …

    Gefällt 4 Personen

  2. „Gut“ ist in Deinem Fall vielleicht das Ende des Fallens. Wie und wo Du das findest? Vielleicht in weniger höheren Lagen? Vielleicht in einer stabilen Person, die Dir Halt gibt? Vielleicht mit einem Sicherungsseil klettern?
    Fragen, die neue Fragen aufwerfen….

    Toller Text trotz aller Schwere der Thematik

    Gefällt 2 Personen

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