adventure

Enter Sodom…

Mit einiger Verspätung nun der letzten Oktober angekündigte Beitrag:

Samstagnacht: Momo und ich werfen uns in Schale. Als mein Haarschneider auf halber Strecke plötzlich kaputt geht und ich mit halb abrasiertem Schädel nackt und lachend im Bad stehe – sehr zum Amusement meines Mitbewohners – da beschließe ich, aus der Not eine Tugend zu machen und meinen abgefuckten neuen Look mit Würde zu tragen. Zum ersten Mal seit ziemlich langer Zeit trage ich wieder Kajal auf. Der Einlass in den KitKatClub ist nun sicher. Momo trägt ein sehr freizügiges Negligé, dass ihren Rücken und Po offen lässt. Ich trage eine enge schwarze Hose, schwarzes Hemd und eine Umschnallfliege auf nacktem Oberkörper. Bereits zu Hause wummern die Bässe: Homebase von „Drogentante“ – wir sind bestens gelaunt. Kurz nach Mitternacht machen wir uns auf den Weg zur U-Bahn…

Die Schlange ist kurz. Nach einem kurzen kritischen Blick passieren wir die Türsteher und entkleiden uns an der Garderobe. Mein kurzer Flirt mit dem Garderobenmann wird sich später noch als vorteilhaft erweisen. Bereits der Eingangsbereich mit seinen roten Vorhängen erinnert mich an die Black Lodge aus Twin Peaks – der kleinwüchsige „Man from another place“ fehlt zwar, aber dafür fährt auf einem Bürostuhl ohne Lehne ein kleines Männchen mit verkrüppelten Gliedmaßen durch die Gegend und bietet den Gästen Körperbemalung an.

Lachend öffnet Momo mein Hemd – ich bin noch nicht akklimatisiert und habe die Korrektur wohl nötig. Wir betreten eine Lounge, Dreh- und Angelpunkt des Clubs. Auf den gepolsterten Liegeflächen tummeln sich bereits die Leute; Latexkleider, Nacktheit, der erste halb errigierte Schwanz des Abends wird da hinten in der Ecke gelangweilt gewedelt, Dommes führen ihre Männchen an der Leine spazieren. Die Wandbilder zeigen wilde Ausschweifungen, Orgien wie man sie sich an Caligulas Hof vorstellen mag. Rechts ab eine etwas ruhigere Bar, links der Poolbereich, ein kühler, ruhiger und recht dunkler Raum mit einem Pool in der Mitte, umringt von Liegeflächen entlang der Wände. Geradeaus tönen die Bässe. Nach einem kurzen Gang landen wir im Herzen des KitKat Clubs, der bereits gut gefüllten Tanzfläche. Mein Körper bebt, das nackte Fleisch berauscht mir schlagartig die Sinne: Mit dem Hämmern des Beats zucken glänzend die schönen Leiber, Schweiß und Rauch und Sex, Frauen, Männer und alles was dazwischen und jenseits vorstellbar ist, halbnackt, nackt, in Netz, Lack und Leder, errigierte Nippel, Silikon in Bändern, gertenschlanke Transfrauen, gestählte Männerkörper, jung und alt, Dirndl und Strumpfmasken, Cyberpunk und Hippies, Normalos und Freaks, Studentin und Bollo, Swinger und GoGo, Endorphin und Pheromon… nach wenigen Minuten bin ich bereits überwältigt von den Eindrücken, brauche Halt, etwas zum Halten… Wir gehen an die Bar, ich bestelle Bier und Tequila für Momo, Cola für mich. Die Bardamen sind nackt und zwar im vollsten Sinne des Wortes – das großzügige Trinkgeld beschert mir ein Zwinkern der Brünetten mit den Silikontitten – sie reicht Salz und Zitrone. Zerebraler Gewittersturm. Das Paar da drüben am Tresen… diese Tattoos… oh! Euch kenne ich doch! Was für ein seltsamer Zufall: Die beiden waren mir im JOYclub aufgefallen, aber ich hatte bisher noch keinen Kontakt aufgenommen, was daran liegt, dass sie mir besonders gut gefielen – das will wohl überlegt sein; will nicht einer von vielen sein – sind die beiden ja auch nicht. Aber jetzt sind sie ja hier und ich beschließe, sie später direkt anzusprechen. Kläre mit Momo noch Eventualitäten: Sie stimmt mir zu – die beiden sind schon heiß…

Im Keller ist nicht viel los, ein paar schräge Gestalten nur und langweilige Musik. Von der Empore hat man einen guten Ausblick auf die Tanzfläche. Hier oben gibt es eine Liebesschaukel und Liegeflächen, einige Paare spielen aneinander rum, Solomänner laufen mit ihren schlaffen Salamis durch die Gegend, bleiben hier und da stehen, glotzen und wichsen ungeniert – völlig normal. Nach einer Weile fallen sie mir gar nicht mehr auf. Der Gedanke an eine Art sexuelle Hierarchie, der mir schon öfter in den Sinn kam, drängt sich mir erneut auf – und ganz ganz unten sind diese Typen hier, die notgeilen Singlemänner, die niemand anfassen möchte, scheele, gierige Augen, weiche unansehnliche Nudeln. Und über allen thront die grazile Gott-Tänzerin mit den langen Beinen und dem Hintern, der einen eigenen Tempel verdient hätte. Wie bei einem Gemälde habe ich ständig den Eindruck, direkt von ihr angesehen zu werden. Meine Perspektive ist verengt – nur sie und ich und Bass und glänzende Haut. Mein Ruhepol für eine Weile, eine Huldigung an die unfassbare Schönheit der Frauen, ein ungehörtes Gebet an die fleischgewordene Göttin Rati im Minirock.

Wir gehen tanzen. Dabei tanze ich doch nie! Ich fühle mich steif und ungelenk, aber kann mich der Musik und dem Treiben nicht entziehen. Es dauert einige Minuten, dann endlich fährt die Selbstaufmerksamkeit runter und ich falle tief in meine Sinneswahrnehmung. Ein gut gebauter Typ mit Tutu und umgeschnallten Schmetterlingsflügeln zieht durch den Raum und heitert die Stimmung noch weiter auf, indem er anfeuernd seinen leuchtenden Feen-Zauberstab schwingt. Nebenbei sinniere ich gelegentlich mit Momo darüber, ob dieser oder jener Mann, der ihr gefällt, überhaupt an Frauen interessiert ist. Die besonders stattlichen Exemplare hier sind fast ausschließlich schwul und mein ästhetischer Sinn bedauert einmal wieder, dass mein Begehren sich ausschließlich auf (feminine) Frauen richtet. Ab und zu entdecke ich zwischen den vielen Menschen das tätowierte Paar. Ich will nicht einfach hin gehen und warte auf einen günstigeren Zeitpunkt. Schon kurze Zeit später tanzen sie in unserer Umgebung und ich nähere mich an. Zumindest sie hat etwas bemerkt und tatsächlich verringert sich der Abstand. Ich bin jetzt entschlossen und werfe Momo einen vielsagenden Blick zu – sie macht das offenbar nervös. Dann eben alleine. Ich stelle mich den beiden vor und wir kommen locker ins Gespräch. Er, schlanke trainierte Statur, ein stiller Typ mit sehr natürlicher Ausstrahlung, bisexuell, sehr kurze Haare. Letzteres sorgt für guten Gesprächsstoff, als ich von dem Missgeschick mit dem Haarschneider berichten kann. Hat sie meine Haare angefasst? Sie ist eine ungewöhnlich Hübsche, feine Gesichtszüge, ebenfalls vom zurückhaltenden Schlag (was ich sehr attraktiv finde), geschmeidige Haut, eine sanfte, aber willensstarke Stimme, glattes langes Haar und zarte schlanke Hände. Die beiden strahlen Vertrautheit aus: Wortlos kommunizieren sie beinahe unentwegt miteinander. Ihre Leiber sind eine harmonische Einheit, jede Bewegung findet ihre Entsprechung im je anderen, kaum sichtbar, Blicke streifen sich lediglich – die meisten würden vielleicht intuitiv ein eingeschworenes Paar ausmachen. Ich sehe die Details, sehe die Rotation der Hüfte, die kleine Handbewegung, die geöffnete Handfläche, kleine zeitlupenartige Eindrucksblitze, die ein Mosaik zusammensetzen: Als Einheit wunderschön! Ich hole Momo mit hinzu. Wir tanzen jetzt zu viert. Im Kreis. Unsere Blicke treffen sich manchmal, in verstohlenen Momenten, wenn gerade nicht die Musik allein unsere Körper hält. Es ist ein Forschen. Und zwischendurch tauschen wir auch Sätze, kurze Fragen, hier eine Berührung am Arm, die Leiber in Resonanz bringend. Ihre Haut ist so weich. Er verschwindet für eine Weile, und Momo tanzt wo anders. Wir unterhalten uns, ihr Unterleib berührt meinen, ich spüre die Wärme ihres Atems ganz nahe an meinem Gesicht, ihre Stimme ist Musik, ihre Brüste streifen die meinen – dann wieder Abstand. Sie spielt mit mir, aber ich bin mit der Reizüberflutung überfordert und kann mich nicht darauf einlassen. Sie ist wie Marmor und ich, erstarrt in meiner Faszination, traue mich kaum, der Schönheit nachzuspüren. Als er zurückkehrt, beschließen wir, uns an der Bar etwas zu trinken zu holen. Beim sich daraufhin entspinnenden Gespräch eröffnet sie uns, dass sie unbedingt noch den Pool ausprobieren wolle und auf Gesellschaft hoffe. An diesem Abend ist niemand im Wasser, nur die Liegeflächen um den Pool sind komplett belegt. Gerade weil es etwas Verrücktes an sich hat, stimme ich direkt zu. Momo braucht etwas Überredung, willigt aber schließlich auch ein. Ich gehe zur Garderobe und werde sofort vom eingangs erwähnten Garderobenmann bemerkt, der mir vier Handtücher auftreibt und mit einem Zwinkern überreicht.

Das Wasser ist eiskalt. Beim Testen mit der Hand zieht sich mein Körper bereits schaudernd zusammen. Unsere Absichten wurden bemerkt und viele neugierige Blicke richten sich auf die vier Gestalten, die nach einem Moment des Zögerns mit dem Entkleiden beginnen. Das Marmorbild und ihr Mann sind am ganzen Körper tätowiert, Gesamtkunstwerke beide. Während sie sich langsam vom Rand in den Pool sinken lässt, springen wir anderen hinein. Die Kälte trifft mich schlagartig, Eiswasser, das die Haut zum Brennen bringt. Nach wenigen Sekunden hüpfe ich wieder auf den Rand – zur allgemeinen Erheiterung. Er ist der Zweite, der aufgibt. Mit einigem Abstand folgt Momo, die zunächst ein paar Bahnen zieht. Das Marmorbild – sie verzieht keine Miene, legt die Arme lässig auf den Rand und steigt schließlich als Letzte aus dem Wasser…

Zurück auf der Tanzfläche verlieren wir uns aus den Augen. Momo und ich gehen nach oben, wo sich drei gut gebaute und ebenso gut bestückte junge Männer miteinander vergnügen. Auf dem Gynstuhl neben mir hat sich ein Typ mit Strumpfmaske breitgemacht und masturbiert breitbeinig, während auf der Liege daneben eine Frau im mittleren Alter den halbschlafen Schwanz eines dabei gelangweilt aussehenden Mannes lutscht. Vor uns steht eines dieser unansehnlichen Männchen und wichst, während es Momo dabei begafft, die davon nichts mitbekommt. Bei schwulem Sex dreht sie durch – ihre Finger krallen in meinen Arm: „Boah! … Ah! … Das is‘ sooo geil! Hast du das gesehen?!“ Ich bin beeindruckt: Einer der Drei nimmt die vollen gut 20cm in seinen Hals auf, während Nummer 3 dem so Beglückten an den Brustwarzen und Eiern spielt und ab und an den Kopf des Gebenden bis zum Anschlag runterdrückt. Unsere Wahrnehmungen könnten kaum unterschiedlicher sein, denn während ich anerkennend nicke und versuche, das schlaff wedelnde Etwas dieses auf Momo stierenden Kerls aus meinem Blickfeld zu bannen, kann sie sich vor Begeisterung kaum halten. Dann gehen die Drei ans Eingemachte… Ich genieße die Aussicht: Ein Tänzer im Cyberpunk-Outfit bewegt sich fließend an den Stangen, schwenkt fluoreszierende Röhrchen dabei, eine Frau im mittleren Alter, komplett in Netz gekleidet, langes schwarzes Haar, ein furchteinflößend dreinblickender hagerer Typ raucht Kette da am Rand, seine Augen noch dunkler als die meinen, das Engelchen mit den kleinen festen Brüsten – ihre Nippel sind so steif und sie trägt jetzt die Schmetterlingsflügel des Tutu-Manns, mit dem sie eng umschlungen Hüfte und Zunge kreisen lässt; die Domina mit den hohen Absätzen und dem engen Mieder, der die Reitgerte herunterfällt – sie bittet mich um Hilfe, weil sie sich nicht bücken kann; das Dreiergrüppchen von Freundinnen, die sich scheinbar hierher verlaufen haben und die jetzt ihre Kleidung lockern, weil doch fast nichts getragen wird hier; der geheimnisvolle Blick der einsamen Tänzerin am Rand, die sich nicht traut, ihre Hände streicheln über ihre Oberschenkel; oben im Käfig presst sich ein lustverzerrtes Gesicht zwischen die Stäbe, dahinter pumpt der Schweiß nackter Oberkörper, der Geruch von Sex, so undefinierbar, und doch weiß man sofort, was es ist, das einem die Sinne betört…

Als wir den Club verlassen, ist es bereits wieder Tag. Mein überladenes Gehirn würde noch drei Tage brauchen, um sich zu erholen. Ich war endlich angekommen.

 


Beitragsbild: Love (2015) ©

Advertisements

6 thoughts on “Enter Sodom…”

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s