Love

Azur

Die zarte Berührung einer verwandten Seele – keine räumliche Distanz bricht dieses Band. Kleine Erinnerungen genügen. Und dann höre ich ihre Stimme auf einmal wieder. Ihre sanfte Stimme. Dieses schöne Wesen, so weit weg. So allein in ihrem Innersten. Keiner vermag sie anzurühren. Mich rührt sie immer an – schon wieder bricht es aus mir heraus: „Du fehlst mir so sehr!“ – und sie erwidert es, mit einer Zärtlichkeit, die ich mir nicht zugestehen will. Warum, das weiß ich nicht zu sagen. Ich verbuche das allgemein unter „mein Dachschaden“. Für sie kommt die Frage nicht auf – sie liebt mich… irgendwie. Nicht so wie ich sie liebe. Das würde sie sich auch nicht erlauben. Sie tut es nicht, und ich glaube, es kostet sie auch keine Anstrengung. Ihr Wille ist bewundernswert stark. Sie entscheidet, dann bleibt sie dabei – ihr wurde viel angetan, also muss sie sicher sein. Trotzdem liebt sie mich auf eine eigentümliche Art. Wie einen Freund eben, einen engen Vertrauten… und wie einen, bei dem sie immer sie selbst sein kann. In all ihren Facetten. Ich darf sie ansehen, wie sie ist. Und ich sehe die schönste Frau, die ich kenne. Es schmerzt mich, nicht nur, weil sie jetzt ferner ist. Als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, wurden sie besonders empfindlich für Schönheit. Ich hatte ein Jahrzehnt lang fast nicht geweint. Ich war hart geworden, hatte Horror gesehen und mich abgetötet, um überhaupt noch atmen zu können – genauer: um es mir erlauben zu können. Nachdem ich sie traf, brachen alle Dämme. Aus mir schwer erklärlichen Gründen fasst sie mit ihren so verletzlichen Händen direkt in meinen Abgrund und lässt es dort hell werden. Ihre Augen strahlen direkt in mein Innerstes – da ist kein Widerstand, kein „aber“. Ich dachte viel an irgendwelchen neurotischen Unsinn, der mir die Sinne vernebelt. Vielleicht ist das auch wahr. Aber eben nur zum Teil. Und frei davon sind wir alle nicht – wer hat schon den ungetrübten Blick? Es kümmert mich nicht mehr. Alle Fragen der Vernunft, des Praktischen gar, des Realistischen – sind mir egal. Mich kümmert nicht einmal die Zeit. Eines glücklichen Tages vielleicht… Ich weiß nur: Sie ist wunderschön und sie ist mir zugewandt. Wenn ich sie sehe, wird mir warm. Sie erinnert mich an meine eigene Lebendigkeit. Wenn ich an sie denke, will ich noch mehr sein – egal wie oft mir gesagt wird, was ich schon bin. In ihr vermengen sich meinen edelsten und niedrigsten Antriebe. Sie sieht mich. Es ist so einfach. Dieses eigentlich so schlichte Empfinden teilte ich ihr kürzlich zum Geburtstag mit – sie nannte es das Schönste, was ihr je gesagt wurde. Mich hat das zunächst verwundert. Dann erschüttert. Weil es nicht gerecht ist, dass jemand wie sie hungrig sein muss. Deshalb liebe ich sie umso mehr – für uns beide und damit es bei ihr irgendwann auch heller wird. Denn sie ist einzigartig und kostbar. Und sie ist verletzt, so wie ich. Sie ist Azur und ich bin ihr einsamer Wolf – und ab und an streichelt sie ihn.

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Beitragsbild: Love (2015) ©

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