Vergangenes

Als ihre Schwäche die meine wurde

Ich war 18 Jahre alt, als ich einen der eindrücklichsten Momente meines Lebens hatte. Äußerste Verzweiflung, eine innere Kälte die den Körper abschaltet, Todessehnsucht, Gleichgültigkeit und rasende Wut – ich hatte bereits eine breite Palette negativer Gefühlslagen durchlebt. Niemals Hass. Hass ist mir noch heute fremd, zumindest wenn es darum geht, jemand Konkretes zu hassen. Wut kenne ich gut. Abscheu, die kleine Schwester des Ekels – beides ist mir wohl vertraut. Auch Thanatos meldet sich regelmäßig mal zu Wort und bekommt die Tür oder ein neues Ziel gewiesen – wir sind eigentlich schon sowas wie gute Freunde geworden. Aber Hass… den hatte ich nur einmal so richtig zu Gast und ich muss sagen: Der ist ziemlich toxisch.

Ich war vor nicht allzu langer Zeit wieder bei meiner Mutter eingezogen. Wir hatten eine schwierige Zeit der Entfremdung hinter uns und das sollte die Gelegenheit zur Aussöhnung und Wiederannäherung sein. Rückblickend schätze ich das inzwischen nicht mehr als besonders gute Idee ein, aber davon soll es hier nicht handeln. Ich wohnte also wieder mit meiner Mutter und zwei meiner Schwestern zusammen – und dem neuen Lebensgefährten und späteren (dritten) Ehemann meiner Mutter. Während die Beziehung zu ihr wieder viel Herzlichkeit annahm und ich es genoss, meine zwei nächstjüngeren Schwestern um mich zu haben, war das Verhältnis zu ihm sehr wechselhaft. Sein Temperament war aufbrausend, seine Authentizität ließ zu wünschen übrig und gemessen an der Dominanz, die er an den Tag legte, war sein Charakter schwach. Damit hatte er in meinen Augen keine Legitimität, ein damals noch unreflektiertes, aber dennoch intuitiv richtiges Wissen. Seit meiner Jugend weiß meine Umwelt um meinen klaren Blick – entsprechend musste ich immer schon mit viel Feindseligkeit umgehen, ob ich mein Urteil nun ausdrückte oder für mich behielt: Wir wissen zumindest in einem Winkel unseres Bewusstseins um unsere Schwächen und Verfehlungen – in den Spiegel sehen wollen aber die wenigsten. Die undankbare Aufgabe, ihn trotzdem hochzuhalten, fällt mir zu. Und er sah sich darin. Wir ahnten es beide. In mir entlud sich der Ekel vor seiner eigenen Leere und Schwäche.

Im Laufe des Abends hatten wir uns wegen irgendetwas gestritten. Wobei das übertrieben ausgedrückt ist: meistens lief er bei mir einfach auf und versuchte dann mit Versatzstücken seiner Halbbildung Eindruck zu machen – oder er wurde schlicht verbal aggressiv, was ebenso hilflos wirkte. Ich hatte gar kein Interesse, ihm jemals irgendwo den Rang streitig zu machen und trotzdem gockelte er bei jeder Gelegenheit. Welcher erwachsene Mann misst sich mit einem zurückhaltenden 18-Jährigen? Diese Rolle machte mich noch einsamer, als ich sowieso schon seit Jahren war. Und darin liegt der Schlüssel…

Ich war bereits schlafen gegangen, als mich ein beständiges Wimmern aus dem Wohnzimmer weckt. Meine Mutter weint. Weint heftig. Sofort bin ich hellwach und auf den Beinen. An der Tür kann ich hören, was nebenan vorgeht: Er redet auf sie ein, während sie schluchzt. Ich habe sie noch nie so weinen gehört. Er spricht von mir. Er sagt ihr, wie sehr er mich verachte, zieht über mich her. Mein Puls beschleunigt, mein Kopf pocht. Und sie bricht zusammen, ich kann es hören. „Dein Sohn“, spricht er völlig ungerührt und mit bedeutungsschwangerer Pause, „Dein Sohn ist für mich ab heute gestorben. Existiert nicht mehr für mich.“ Meine Hände beginnen zu zittern. Das haben sie in dieser Form noch nie getan. Meine Gedanken überschlagen sich, womit ich auf ihn einschlagen, wie ich meine körperliche Unterlegenheit (er ist über 1,90m) ausgleichen könnte, nur ein Ziel: Er soll schweigen, soll aufhören, meiner Mutter weh zu tun! Sie kann nur weinen, ab und zu nach Luft schnappen – und sagt nichts. Und ich stehe da, voller Adrenalin und zum ersten Mal in meinem Leben voller Hass – und tue nichts. Stehe an meiner Tür und kann nicht hindurch. Nur erkalten.

Meine Mutter ist schwach. Ich liebe meine Mutter, aber das ist schlicht ein Fakt. In manchen Dingen hat sie viel Stärke, aber wenn es um sie selbst geht, ist sie hilflos. Ihre Eltern waren gefühlskalte Arschlöcher. Ich wollte meine Großeltern immer mögen, den patriarchalen Opa und die distanziert-unterkühlte Oma (Stichwort: „tote Mutter“). Letztendlich waren die Besuche dort immer nur eine Tortur. Für meine Mutter war das der einzige Nährboden gewesen. Und entsprechend hilflos war sie als Erwachsene. Sie tat alles, um es besser zu machen. Sie ist warmherzig und liebenswert. Sie hat drei Kinder in die Welt gesetzt und versorgt. Sie war zugänglich. Aber auch oft abwesend. Und beschützen konnte sie uns nicht. So wie sie wuchs ich in dem Wissen auf, dass es kein Netz gibt, das mich hält – wenn ich falle, bin ich verloren. Ihre große Stärke ist die Hartnäckigkeit, mit der sie trotz alledem immer überlebt hat, gelebt auch von Zeit zu Zeit, nie erkaltet ist, wie es ihr vorbestimmt gewesen wäre und ihren Kindern immer das Gefühl geben konnte, geliebt zu sein. Nur Geborgenheit, Sicherheit, Schutz – das konnte sie nicht leisten. Sie kann sich selbst nicht schützen. In diesem Moment an der Tür, als der Hass sich in mir breit machte, wurde ihre Schwäche die meine. Die Saat war längst gelegt, nun ging sie auf. Niemals sonst in meinem Leben, nicht einmal, als ich auf der Schwelle zum Sterben stand, habe ich mich dermaßen hilflos gefühlt.

Kurze Zeit danach zog ich aus. Wir sprachen nie von dem Vorfall, meine Mutter und ich. Sie hat ihn dann später geheiratet und er hat schreckliche Wunden geschlagen, bei ihr, bei meinen Schwestern. Das meiste erfuhr ich erst, als er dann endlich weg war – Jahre später. Der Hass ist nicht mehr so lebendig, trotzdem wünsche ich ihm die Pest an den Hals. Wäre ich stark, dann hätte ich ihn damals daran gepackt.

Advertisements

8 thoughts on “Als ihre Schwäche die meine wurde”

    1. Neben meiner eigenen Gewahrwerdung wollte ich auch etwas zum Ausdruck bringen. Die bloße Darstellung des Schlimmen wäre schlicht kitschig. Ich sehe, wie sich begangenes Unrecht fortsetzt, wie Kälte Kummer gebiert, wie Selbstüberschätzung andere ganz klein machen kann, wie die Blindheit vor der eigenen Unzulänglichkeit und Schwäche in Projektion zu Hass, Missgunst und sogar Vernichtungswille führen kann. Das ist tatsächlich schlimm – und es ist auch Mahnung. Hatten nicht ein paar kluge Köpfe in der dysfunktionalen Familie die Keimzelle des Faschismus ausgemacht?

      Gefällt 1 Person

      1. Es ist eine Mahnung, die auch davor schützen könnte, Spiralen weiterzudrehen. Und sich wenn auch unwohl, stets in bekannte Muster finden zu wollen. Und gleichzeitig stets auf Abstand zu bleiben, um dem aus dem Wege zu gehen.
        Wir Menschen sind schräg. Kompliziert. Bedauerlicher weise….

        Gefällt 1 Person

  1. Das mit dem sich nicht beschützt fühlen kenne ich leider…Wenn auch auf eine etwas andere Art und Weise als bei dir. Es ist schlimm! ABER. Ich glaube nicht, dass sich wahre Stärke in ihrer Körperlichkeit misst – Stichwort Hals. Ich bin sicher, das weißt du selbst fast besser als ich 🙂

    Gefällt 1 Person

    1. Damit hast du sicherlich recht. Diese Frage nach wahrer Stärke stellt sich im Moment des Schmerzes allerdings nicht. Erst wenn es darum geht, widerständig zu sein, im Überwinden der Widrigkeit – da ist sie dann gefragt.

      Gefällt 1 Person

  2. was ist mit den Menschen, die die verachtenswerteste Saat gesät bekamen und sie wie eine Geißel ihr Leben lang mit sich tragen, sie, trotzdem sie kämpfen, nie wirklich los werden? – Eigentlich eine rhetorische Frage…

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s