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Streifzug – Teil 1

Wir spielten freies Assoziieren: Ich nannte einen Begriff und sie antwortete das Erste, was ihr dazu in den Sinn kam. Ihr Profil hatte mir nicht viel über sie verraten, aber ich mochte ihr Lächeln und sie war psychologisch interessiert. Meine Begriffe waren recht trivial, brachten aber häufiger einen sexuellen Unterton hervor. Mich erstaunt das weniger, weil ich zu denen gehöre, die in den meisten zwischenmenschlichen Beziehungen eine Form von erotischem Antrieb annehmen. Und oft auch sexuell, ob nun eingestanden oder nicht. Ich mache grundsätzlich keinen Hehl mehr daraus – der Blick in den Spiegel fällt so auch wesentlich leichter.

Am Donnerstagabend erreicht unser Spiel die Reife eines echten Dialogs. Tatsächlich ist sie studierte Psychologin. Im Chat wirkt sie manchmal reserviert, erklärt das aber mit ihrem anstrengenden Arbeitstag. Sie ist eine Beobachterin und lässt sich umgekehrt nur selten in die Karten sehen. Ich spüre etwas Traurigkeit, doch sie wiegelt ab. Gleichzeitig macht sie zwischendurch sehr offene Bemerkungen über unsere Unterhaltung, eine Form von Ironie, die ich von mir selbst nur zu gut kenne. Die Mischung aus Geheimnis, Souveränität und Intelligenz macht sie sehr interessant – ich schlage ein Treffen vor. Sie will noch eine Nacht darüber schlafen und sich am Freitag bei mir melden…

Als ich am späten Nachmittag zu Hause eintreffe, kommt ihre Nachricht und wir verabreden uns für den Abend an der Oberbaumbrücke. Ich finde noch eine Stunde Zeit, meine Energie mit einem Nickerchen etwas aufzufrischen. Meine Schwester, die gerade zu Besuch war, hatte in meiner Abwesenheit etwas Leckeres gekocht und nach einer abschließenden Dusche verlasse ich in bester Stimmung das Haus in Richtung Treffpunkt. Es war ein warmer Tag gewesen, doch die Nacht verspricht eisig zu werden. Da ich früh dran bin, laufe ich ab der Haltestelle Warschauer Straße, kämpfe mich geschmeidig durch desorientierte und bereits angetrunkene Touris und sehe schließlich noch die Abenddämmerung über der Spree. Plötzlich steht sie neben mir, ebenfalls ans Geländer gelehnt und lächelt mir zu.

Ihr mittellanges braunes Haar fällt ihr tief in die Stirn. Darunter ein waches Augenpaar, Dunkelheit, etwas Melancholisches, Sanftmut, Bescheidenheit und ein kluges Blitzen. Groß ist sie, beinahe 1,80m, schlank und sportlich, unter dem offenen Mantel ein kurzes Kleid, lange Beine, feine lange Finger. Ich merke ihr die Aufregung an, gebe vor, es selbst ein wenig zu sein, was nur halb der Wahrheit entspricht, ihr aber etwas mehr Sicherheit vermittelt. Beim nächstbesten Spätkauf holen wir uns etwas zu trinken und setzen uns ans Spreeufer. Noch ist der Abend mild.

Die Unterhaltung fließt. Ich erfahre über ihren Werdegang, wo sie gelebt hat, was sie tut. Viel wichtiger: ich merke, dass sie Grenzen zu setzen weiß. Oft muss ich lachen, wenn sie peinlich berührt ist oder sich bei etwas ertappt fühlt – sie boxt mich dann in den Arm und sieht verlegen zur Seite.
Wir beschließen, uns in Bewegung zu setzen, immer der Nase nach. Laufen durch Kreuzberg, pausieren an einem Kanal. Sie friert, ich wärme ihre Hände – die plötzliche Intimität verstört sie und gefällt zugleich. Ich teile sie gerne, wenn ich jemanden mag. Weiter, Treptower Park. Wir stillen unseren Hunger mit Falafel, dazu ein Becher Schwarztee. Auf dem Weg nach Friedrichshain küsse ich sie, behutsam zunächst. Sie beißt auf meine Unterlippe. So weich und ganz da, nichts Mechanisches, die Nervenenden sind alle im Bewusstsein verankert. Wir folgen der Spree, gehen in einen Hinterhof, den sie ansprechend fand. Dort sitzen und rauchen wir, ihr Körper resoniert mit meinem. Es wird kalt, sie zittert, obwohl ich sie komplett umschließe. Weiter also. Wohin? Wo ist es warm? Ich hätte sie eingeladen, aber ich hab ja schwesterlichen Besuch. Ob sie mich zu sich nach Hause mitnimmt? Drei Sekunden, dann antwortet sie mit ’nein‘. Ihr Zimmer sei ihr ganz persönlicher Raum, da lasse sie niemanden mal eben rein. Der Abend ist sowieso gelungen, ich bin kein wenig enttäuscht – etwas überrascht nur. Sie schweigt. Wir schweigen. In ihrem Kopf geht eine Menge vor, ich sehe es ihr an, warte… Sie ist wütend auf mich. Sagt sie mir und wirkt doch nicht so. Was ist das? Ich forsche in ihren Augen, sie weicht aus, kommentiert nicht weiter. Zwinge mich in ihr Blickfeld, sie hält dagegen. Raten solle ich! Und ich habe auch längst begriffen: „Du hattest dir das anders vorgestellt. Jetzt spürst du unsere gute Chemie. Du lässt dich sehr ungerne durchschauen und ärgerst dich, dass ich in dich hineinsehe. Du bist die ganze Zeit schon spitz und hättest jetzt die Gelegenheit, aber du hast Prinzipien und Gewohnheiten, die dem widersprechen. Das wirft dich in einen Zwiespalt, mit dem du gerade nicht gut umgehen kannst.“ Sie blickt zur Seite. Dann muss sie lachen. Fuck! An ihrer Stelle fände ich mich gerade furchteinflößend und anstrengend. Volltreffer, sie nickt. Wir schweigen und grinsen vor uns hin…

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