love lost

Der gerissene Faden

Das verdammte Schlafmittel wirkt nicht ausreichend. Mein Mund wird trocken und der erhöhte Blutdruck lässt meinen Schädel pochen. Die Schwere in meinem Körper, die nach Schlaf verlangt, kommt nicht an gegen die Bilder: Wie ihre sanften Augen zu mir aufsehen und sich ihr Kopf in meine Handfläche legt, ihr ganzer Körper wie fließend in Zuneigung auf den meinen reagiert. Das ist erst ein paar Stunden her. Jetzt bin ich alleine. Habe in verzweifelter Wut alles auf den Kopf gestellt. Es ist, als hätte sie nicht die letzten Monate mein Leben und mein Bett geteilt. Alles weg, alles in einem Karton, alles was da physisch hineingeht. Aber Trauer, Verzweiflung, Kränkung und Sorge – die kann man nicht wegpacken.

Ihr Blick ging ins Leere, weit weg. „Wo gehst du hin?“, fragte ich. „Ich nehme Abschied.“ Unsere Blase sollte also platzen. Es traf mich unerwartet.

Ihre graublauen Augen funkeln, ein Lächeln. Sie strahlt sanfte Tiefe aus, ein Geheimnis, das sie unter schroffer, aber auch anmutiger Dunkelheit zu verstecken weiß. Wie so oft, sehe ich hindurch, sehe Weltschmerz und Lebenslust aufblitzen, wenn ihr Blick sich in meinen bohrt, diese wenigen Sekunden über Gebühr, forschend, sehnend. Dir will ich mich öffnen! Und so halte ich ihren Blick – und sie hält den meinen – und setzt sich darin fest.

Meine Queen. So hatte ich sie im Oktober getroffen, so wollte ich davon berichten (der Beitrag wurde nie fertig). Aber zu intensiv war die Zeit, zu komplex dieses liebenswerte Wesen – mit Worten hätte ich ihr nur Unrecht getan. Und jetzt tue ich ihr dennoch weh. Meine größte Angst wird wahr. Die einzige vielleicht sogar, denn zu Ängsten neige ich nicht.

Wir schwiegen und rauchten, bis ich es nicht mehr ertrug und aufstand, um nach drinnen zu gehen. Ich reichte ihr den Faden, mit dem wir die Balkontür von außen geschlossen halten. Dieses Stück Nylon beschloss ausgerechnet heute, just in diesem Moment, mit aller ihm obliegenden symbolischen Gewalt und mit einem fast schon theatralischen Lärm, zu reißen. Ich reichte ihr den Faden, sie zog und er riss. „Das war’s.“, sagte sie, und hatte damit den Faden gemeint. Ich verschloss die Tür, starrte die nächste halbe Stunde die Decke an und war völlig einverstanden – ohne den Faden zu meinen. Ich war am Ende meiner Kräfte angelangt.

Die Tür schloss sich leise hinter ihr und nach wenigen Sekunden waren ihre Schritte im Treppenhaus verhallt.

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