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The 38-Year-Old Virgin

Heute Abend hatte ich mein bisher seltsamstes Dating-Erlebnis. Vor etwa zwei Wochen wurde ich auf OkCupid von einer 38-jährigen Frau angesprochen – direkt mit der Frage „Wann treffen wir uns?“. Da sie kein Profilfoto hatte, bekam sie darauf natürlich keine Zeit vorgeschlagen. Wir unterhielten uns ein wenig, doch sie weigerte sich partout, sich sichtbar zu machen. Sie hatte mich scheinbar schon vor längerem mal in Basel bemerkt und nun auf der Seite wiedererkannt. Sie selbst war für mich nur ein Fotoplatzhalter mit Sprechblase. Ich ließ sie also irgendwann links liegen. Alle paar Tage nahm sie die Konversation wieder auf, machte aber Versprechungen, die sie nicht einlöste. Also brach ich den Kontakt ganz ab. Heute erreichte mich schon wieder eine Nachricht von ihr; sie ist hartnäckig. Sie versprach, nach der Arbeit ein Foto zu senden – bei Gefallen würde ich sie dann besuchen. Im weiteren Gespräch stellte sich heraus, dass sie seit drei Jahren mit keinem Mann mehr intim war. Als ich genauer nachhakte, gab sie zu, noch Jungfrau zu sein. Oha! Mir wurde etwas unbehaglich bei dem Gedanken. Gleichzeitig tat sie mir irgendwie leid. Dann traf auch endlich ein Foto ein: viel zu klein und undeutlich. Was soll’s, ich war jetzt viel zu neugierig und sagte ihr zu. Nach extrem langem Zögern (ich wollte schon wieder abbrechen) kam dann auch endlich ihre Adresse.

Als sie die Tür öffnete, merkte ich sofort: Nicht mein Typ. Sie gab mir ein Glas Wasser zu trinken und wir saßen auf der Couch. Sie ist eine Gefangene ihres Kopfes. Schnell die Karriereleiter hinaufgestiegen, jetzt nur noch arbeiten, essen, schlafen, arbeiten. Sie kennt nichts anderes mehr. Völlig entfremdet. Und unbeholfen. Sie hatte mich zuvor um Hilfe gebeten, und jetzt saß ich dort neben ihr und sie sah mich mit großen Augen an und erzählte, dass sie nicht einmal wisse, wie man einen Mann richtig anfasst. Fingerspitzengefühl war gefragt. Ich würde mit Sicherheit nicht mit ihr schlafen, soviel stand für mich fest. Aber ich wollte sehen, ob ich ihr nicht eine Initialzündung geben konnte. Der Sozialpädagoge (oder Sexualtherapeut?!) kam heraus. „Wie fühlt sich das an?“ – die erste intime Berührung seit Jahren. „Nichts. Ich spüre nichts. Meine Arme sind ganz steif.“ Ich küsste ihren Hals und Nacken, spielte an ihrem Ohr: endlich eine positive Reaktion. Wir küssten uns, sehr unbeholfen war sie, ihre Zähne trafen auf meine Lippen. Das ging zwei Minuten so, dann begann sie sich wieder zu entschuldigen und mir anzubieten, ich könne gehen, wenn ich wolle. Sie konnte sich nicht entspannen: „Sag mir, was ich tun soll! Ich weiß es nicht!“ Inzwischen hatte ich das nötige Gespür entwickelt: Da ist etwas ganz gewaltig im Argen bei ihr. Der Eindruck bestätigte sich spätestens, als sie mir sagte, wie egal es sei, ob sie lebe oder sterbe – das Leben wäre so verdammt langweilig und unnütz. Brenzlig. Ich hätte gehen können. In ihrem Zustand hätte sie vermutlich nur mit den Schultern gezuckt. Ich entschied mich zu bleiben. Wir sprachen über Isolation und Einsamkeit, Rückzug, Sinnkrise und vor allem Entfremdung – vertraute Themen für mich, seit ich mit 15 das erste mal ernsthaft sterben wollte. Ich wollte rauchen. Sie hatte ihren Balkon noch nie benutzt und es kostete ein wenig Überredung, dass sie ihn überhaupt betrat. Dort führten wir ein wahnsinnig gutes Gespräch. Sie lachte sogar. Ich kann und will den Inhalt nicht wiedergeben, aber es war mir wohl gelungen, etwas in ihr anzustoßen.

Irgendwann wollte sie wieder rein gehen. Da saßen wir wieder wie am Anfang und plötzlich meinte sie, dass sie jetzt entspannter sei und mehr wagen wolle. Nur was? Ich hatte ihr angeboten, nach Herzenslust zu erkunden, aber sie war viel zu unbeholfen. Also holte ich den Vorschlaghammer raus. Mit weit aufgerissenen Augen sah sie mich ungläubig an, wie ich vor ihr stand und anfing, mich zu entkleiden. Sie erschrak, als ich meine Shorts abstreifen wollte – „Ist das zu viel?“. „Nein. Aber fühlst du dich nicht unwohl?“ Ich musste lachen. Sie hatte durch ihre traditionelle Erziehung derart viel Schuld- und Schamgefühl eingetrichtert bekommen, dass das ihre Vorstellungskraft schlicht sprengte. Nackt wie ich war, setzte ich mich neben sie auf die Couch – sie dürfe jetzt tun, was sie wolle. Zunächst schüchtern begann sie, meinen Körper mit den Fingern zu erkunden. In meinem Schritt angekommen, stockte sie, wusste nicht, wie fortfahren. Ich führte also ihre Hand an meinen halb erigierten  Schwanz und zeigte ihre genau, wie sie ihn am besten anfassen musste, den Griff, die Bewegung, korrigierte hier und da und konzentrierte mich darauf, möglichst viel Blut in meinen Unterleib zu senden, um ihr Selbstwertgefühl nicht noch weiter zu strapazieren. Sie war besorgt, es sei schmerzhaft, einen Penis so fest anzufassen. Dann begann ihr Verstand wieder zu analysieren und sie fiel aus dem Moment. Ich holte sie zurück, zeigte ihr meinen eigenen Griff, den sie dann tatsächlich einigermaßen gekonnt in die Tat umsetzte. Sie hatte offenbar noch nie die Gelegenheit, einen Penis genauer zu betrachten, zu befühlen, geschweige denn zu stimulieren und freute sich nun wie ein kleines Kind. „Lektion 1: Handjob“ 😀 Ich fragte sie noch, ob sie es zu Ende bringen wolle, was ihr aber zuviel war – und insgeheim war ich froh über diese Entscheidung. Inzwischen hatte ich mich psychisch ziemlich verausgabt. Es kostet erstaunlich viel Kraft, jemanden in der Dunkelheit zu finden und ein wenig herauszuholen. Mehr als zwei Stunden waren vergangen. Ich zog mich wieder an. Nach einer weiteren Zigarette auf dem Balkon kündigte ich meinen Abschied an. Ich umarmte sie herzlich und sie bedankte sich überschwänglich. Ich beschloss, den Weg nach Hause zu Fuß zu gehen – kühle Abendluft und ein Lächeln auf dem Gesicht. Das muss eine der seltsamsten Begegnungen meines Lebens gewesen sein. Für sie war es das mit Sicherheit.

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8 thoughts on “The 38-Year-Old Virgin”

  1. Puh, heftige Situation, die viele von uns ganz sicher überfordert hätte! Da hat sie ja mit Dir einen guten und geduldigen Lehrer gefunden. Bleibt zu hoffen, dass der einmalige Kontakt etwas bei ihr bewirkt hat, auch wenn ich es leider nicht glaube. Arme Person.

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  2. Ich bewundere deine Geduld und Menschenliebe! Sehr gut gemacht. Auch wenn wir nicht die Welt retten können, so kann jeder doch hier und da mal Freundlichkeit zeigen und vielleicht ein wenig besser machen. Zum Teil auf seltsamen Wegen, mit ungewöhnlichen Mitteln 😉

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    1. Das ist wirklich lieb von dir! Ob der Schalter umgekippt ist – wer weiß: ihr ist schon viel gut zugeredet worden. U.a. deshalb hab ich ihr ja auch meinen Schwanz förmlich in die Hand gedrückt – Worte verpuffen viel leichter als leibliche Erfahrungen. Sie hat nie gelernt, zu leben, hat immer nur „funktioniert“. Der Durst ist ähnlich groß wie die Verzweiflung. Ich werde ihn sicher nicht stillen, aber ich hoffe, dass ein paar Hinweise fruchten.

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