alte Gedichte

Mut der Verzweiflung

An anderer Stelle habe ich etwas Melancholie aufgeschnappt und möchte das gerne kanalisieren. Die Illustration ist von einem alten Freund, der gerne während unserer langen Cafégespräche in meinem Notizbuch gekritzelt hat.

einsam

Ein Schatten zieht durch stiller Gassen Enge
Und trotzt des Mondes schaurig-mildem Glanz.
Er meidet sich, doch ist es ihm, als dränge
Ein böser Geist sein Spiegelbild zum Tanz.

Der Wandrer atmet fürchterlich die Stadt,
Die er durchstreift bei neblig-feuchtem Sehnen –
Laternenwald, das Pflaster kahl und matt,
In Fenstern geisterhafter Fratzen Gähnen.

Ein Krieger, wütend aller Welt zuwider,
Ist anderen und selbst sich nicht genug;
Von Zorn zerzaust sein Haar – er strafft die Glieder
Und windet eitel sich im Selbstbetrug.

Entsetzlich lacht das finstre Wesen auf:
Gern wollt‘ ich heimlich untergehn hier drinnen!
Schick Regen mir und lös‘ des Lebens Lauf –
So wasch mich fort, lass durch das sein mich rinnen!

Kein Tropfen nährt des Kauernden Gestalt
Und stetig malt der Mond ihm den Begleiter.
Ein Auge weint, die tote Stadt bleibt kalt,
Und lautlos wankt ein müder Schatten weiter.

Die Gasse steht, als wäre nichts geschehn.

(Winter 2004)

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