Love

No Goodbyes: nicht immer völlig loslassen

Vor einigen Wochen war ich eine zeitlang niedergeschlagen: Ich hatte mich ganz schrecklich überstürzt und zu meiner eigenen Überraschung in MissAzur verliebt und dabei zugleich eine Regression in pubertäre Zeiten erlebt, bevor ich unsanft die Notbremse zog. Unsere Psyche hält manchmal die seltsamsten und unerwartetsten Anflüge parat…

Nachdem sich die emotionalen Wogen endlich geglättet hatten, beschloss ich vor einigen Tagen, mich einmal nach ihr zu erkundigen. Als sich unsere Wege getrennt hatten, war ihre Zukunft mindestens ebenso unklar wie meine – und ich vermisste unseren täglichen Austausch, ihre klaren Ansichten, das Plaudern über Ernstes wie Belangloses, die gegenseitige Anteilnahme, das Interesse, kurz: Ich vermisste sie! Und jetzt fühlte ich mich bereit, den Kontakt ohne innere Zwänge wieder aufzunehmen.

Es dauerte nur wenige Minuten, da waren wir schon wieder voll im Gespräch, fast so, als hätte es da keine sechswöchige Pause gegeben. Ich erfuhr von ihrem neuen Job, ihrem Freund und wie sich die Beziehung entwickelte. Etwas Erstaunliches war geschehen: Ich freute mich einfach nur aufrichtig, denn endlich scheinen ihr gute Dinge zu widerfahren! MissAzur hat viel Schlimmes mitgemacht. Ich kenne viele grauenhafte Lebensgeschichten: ihre schafft es in die Top 3… Jetzt endlich wendet sich einiges zum Guten.

Seit einer Woche stehen wir nun wieder in täglichem Kontakt, reden über alles Erdenkliche, völlig zwang- und schamlos, zu allen möglichen unmöglichen Uhrzeiten. Die ein oder andere kleine (ironische) Anzüglichkeit kann ich mir natürlich nicht sparen, aber die Verhältnisse zwischen uns sind nun klar und so gibt es auch viel zu Lachen. Am gestrigen Donnerstag trafen wir uns dann überraschend wieder: MissAzur begleitete einen alten Freund zum Flughafen nach Basel und sie schlug vor, dass wir uns im Anschluss treffen könnten. Beim Aussteigen aus der Straßenbahn musste ich nicht lange Ausschau halten: Trotz ihrer zierlichen Statur fiel sie mir selbst in der Menschenmenge vor dem Bahnhof sofort auf. Das war der Moment, der mir ein wenig Sorgen gemacht hatte: Ist wirklich alles in Ordnung jetzt – würde es mich wieder umhauen? Ihre schimmernden blauen Augen begegneten meinen: Kein Schmerz, kein Sehnen, Freude und Zuneigung – damit hatte ich meinen Selbsttest bestanden: Hier steht ein besonderer Mensch – lass dich umarmen!

Der Rest des Nachmittags ist schnell erzählt: Wir gingen DVDs für sie kaufen, schlenderten ein wenig durch die Gegend und setzten uns dann ins Café und unterhielten uns sehr angeregt. Völlig normal und gewöhnlich, aber doch so bedeutend. Der Sommer kehrt zurück.

Anschließend begleitete ich sie zum Zug, wo sich eine Szene abspielte, die mich tief berührt hat – auch wenn es für die LeserInnenschaft vielleicht albern oder übermäßig sentimental klingen mag: Wenige Minuten vor der Abfahrt stand sie vor mir in der Wagentür und ich scherzte beim Anblick ihrer frisch rot lackierten Füße in ihren offenen Heels noch, wie antörnend dieser Anblick sei – sie weiß um diese spezielle Vorliebe von mir und wir sind sehr unverkrampft miteinander. Da strich sie mir mit der Hand zärtlich über die Wange. Diese einfache Geste bedeutete doch alles! Sie sieht ihn, den schmutzigen Abgrund meiner – unserer – menschlichen Natur, die triebhafte Dunkelheit, den Steppenwolf, der wild und rastlos umherstreift und auf Beute lauert – hier ist er ganz zahm und befriedet, sie fürchtet ihn nicht. In diesem Moment wusste ich: Ich habe eine neue Weggefährtin gefunden, eine liebe Freundin! Wir umarmten uns herzlich – dann fuhr sie ab.

In der Tram hielt ich es nicht lange aus – auf halbem Weg nach Hause stieg ich aus und mischte mich unter die Menschen am Rheinufer, ließ mir die Sonne auf den Bauch strahlen und fütterte die Spatzen aus der Hand.

Es ist, als hätte sich ein wichtiges Kapitel meiner persönlichen Geschichte nun abgeschlossen und ich blicke frei und entspannt auf den Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Bis später, MissAzur!


Beitragsbild mit freundlicher Genehmigung von MissAzur 🙂

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10 thoughts on “No Goodbyes: nicht immer völlig loslassen”

    1. Solange der Wolf auf der Lauer liegt, wird die Freundschaft nie völlig aufrichtig sein. Aber wie er es so schön sagte, ich habe keine Angst vor ihm, er ist ein guter Wolf 🙂 Bei unserem Altersunterschied wird es sowieso nicht mehr lange dauern bis ich nicht mehr zum Beuteschema gehöre und dann werde ich über die Aufrichtigkeit dieser Freundschaft an dieser Stelle berichten.

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