Vergangenes

Ein Abschied

Es muss das Jahr 2004 gewesen sein, als ich mich endgültig verabschiedete: Meine Tagebücher, die ich in den letzten vier Jahren geschrieben hatte, all die Notizen, Gedankenfetzen, das pathetische Unglück, die Verzweiflung – ich packte alles in einen Stoffbeutel.

Nun in Münster, meiner neuen Heimat, wo es mir so gut ging, wo mich das Leben endlich eingelassen hatte – nicht länger nur ein stiller Beobachter – hier ging ich an den Hafen, den Ort, an dem es noch unzählige schöne Erlebnisse geben würde, wo ich beinahe jeden Tag mit meinem besten Freund Spaziergänge machen würde, wo ich stundenlange Gespräche führen würde, wo ich geliebt und geküsst hatte, da drüben das Gestrüpp, wo ich mit der namenlosen Bekanntschaft hineingestürzt war, als wir uns an die Wäsche gingen, dort die Stelle, wo er sich die Schulter brechen würde, als er beim CaptureTheFlag wie ein Tiger seine Beute eine gemeinsame Freundin anspringt, da die vergossenen Tränen der Enttäuschung… und hier… hier stand ich am Hafenbecken, mit meiner Vergangenheit in einem Beutel. Sie lastete zu schwer. Ich nahm einen der herumliegenden Ziegel, packte ihn mit hinzu, verschnürte alles fest. Nie wieder! Wie ein Hammerwerfer ließ ich meine Altlast durch die Luft sausen, für einen Moment trat Schwerelosigkeit ein – mit einem Platschen versank alles im Wasser, treibt seinem dunklen Grab entgegen. Ich steckte mir eine Zigarette an, blies den Rauch genüsslich steil gen Himmel, sah ihm gegen die Sonne bei der Auflösung zu, sah ihm nach und blies alles hinaus. Machte auf dem Absatz kehrt und ging – federnden Ganges, beschwingt und leicht – mit feuchten Augen… ich hatte meine Deadline überlebt, der Steppenwolf zog sich in die Wälder zurück – würde ich ihn wiedersehen?

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